Versuch einer Begriffsbestimmung
Soziokulturelle Arbeit ist in einem Überschneidungsbereich von überwiegend selbst organisierter Kulturarbeit, Bildungsarbeit und Sozialer Arbeit angesiedelt. Schon in ihrer theoretischen Begründung in den frühen 70er Jahren hat sie einen starken Bezug zu Ideen der Demokratisierung der Gesellschaft, einer Bewahrung der europäischen Traditionen städtischen Lebens, mit dessen spezifischen Qualitäten sowie zu einer individuellen Erweiterung des Zugangs zur „Kultur“ und eigener ästhetischer Praxis.
Eine Absicht der Soziokultur ist also die Ermutigung zum kulturellen Handeln, zum Handeln in der Kultur, mit dem Ziel der politischen Beteiligung und Gestaltung.
Das Kulturelle steht in engem Zusammenhang mit Bildung und Politik, mit Aufklärung über den Zustand der Gesellschaft und Befähigung zu ihrer Humanisierung. Individuelle Emanzipation und persönliche Weiterentwicklung verbindet sich mit bürgerschaftlichem Engagement. Interesse an der eigenen Alltagskultur und lokalen Geschichte geht einher mit transnationaler Solidarität und interkulturellem Austausch. Durch ihre Komplexität, Interdisziplinarität und ihren emanzipatorischen Gehalt ist sie ein besonders geeigneter Impulsgeber und gleichzeitig auch ein Aktionsfeld für eine lebenswelt- und sozialraumorientierte Jugendarbeit, die sich den Herausforderungen riskanter Transformationsprozesse im biografischen und gesellschaftlichen Bezugsrahmen reflexiv und (selbst-)ermächtigend stellt.
Hermann Glaser
Mit dieser Aussage wird Kultur als etwas begriffen, das mit dem Alltag und dem Leben der Menschen direkt zu tun hat; also keineswegs nur als „rein geistige“ Sphäre, in der allein die Kunst als Kultur gilt. Der Grundgedanke der Soziokultur entstand aus der Kritik an einem lebensfernen Kulturbegriff, der vorgibt, unveränderlich zu sein und die „einzig wahren“ Werte zu transportieren. Daraus folgend, kann Kulturpolitik nicht ausschließlich „Kunstpolitik“ sein, sondern muss Teil einer umfassenden Gesellschaftspolitik werden. SOZIOKULTUR ist keine Bewegung gegen die Kunst, denn sie ist Teil eines umfassenden Kulturbegriffs. Indem sie kreative Potentiale freisetzt, ermöglicht sie vielen Menschen den ersten Zugang zu künstlerischen Formen und Gestaltungsweisen. SOZIOKULTUR bezieht alle Kunstformen ein. Sie ist Literatur, Bildende und Darstellende Kunst. Sie nutzt die neuen Medien. Sie ist Musik in jeder Spielart. Sie bezieht wissenschaftliche Arbeiten ein und arbeitet genreübergreifend. SOZIOKULTUR will gestalten, will lebendige Veränderung, will Kultur als einen Lebensort, der allen offen steht, durch jede/n zu begreifen und zu bereichern ist. SOZIOKULTUR ist eine aktive Kultur, die durch Beteiligung lebendig wird. Die von allen gestaltet werden kann – unabhängig vom Alter, unabhängig von sozialer oder geografischer Herkunft, von Religion oder Geschlecht. Umgesetzt von Einrichtungen, Vereinen und Initiativen „vor Ort“, im Stadtteil, in der Region. SOZIOKULTUR ist eine soziale Kultur. Sie integriert. Sie sensibilisiert und bildet. Sie basiert auf Kommunikation. Sie fördert das Miteinander und die Demokratiefähigkeit der Menschen.
In Leipzig wird die soziokulturelle Arbeit im Wesentlichen von den neun Soziokulturellen Zentren der AG Soziokultur getragen. Sie bilden die strukturelle und inhaltliche Basis für ein Netzwerk, in das sich zahlreiche weitere Initiativen und Projekte einbringen.
Die Kontinuität und hohe Qualität ihrer Arbeit, die von Veranstaltungen, Kursen und Workshops über fachliche Kinder- und Jugendarbeit (nach § 11, SGB VIII), die Bereitstellung von Räumen für nachwachsende Initiativen und Interessen, die Einbindung in soziale Bewegungen bis hin zu gastronomischen Angeboten, zu Arbeits-, Praktikums- und Ausbildungsplätzen reicht, bildet eine wesentliche Grundlage für die hohe Lebensqualität in der Kulturstadt Leipzig.
Die Standorte der Zentren sind historisch gewachsen, ihre Angebote ergänzen einander und sie sind in den 17 Jahren ihrer Entwicklung zu unverzichtbaren Säulen des kulturellen, sozialen und kommunikativen Gefüges in ihren Stadtteilen geworden. Es sind dies der ANKER (Möckern), die Begegnungsstätte Mühlstraße (Reudnitz/Thonberg), das Conne Island (Connewitz), die Frauenkultur (Connewitz), das GeyserHaus (Eutritzsch), das Haus Steinstraße (Südvorstadt), die naTo (Südvorstadt), die VILLA (Zentrum) und das WERK II (Connewitz).